Weltmeister der Herzen 1982

"Du, Bernd, es ist deine letzte Weltmeisterschaft. Ich bin jung, habe meine Zukunft noch vor mir. Setz du dich auf die Bank." Das sagte Eike Immel 1982 vor dem WM-Finale gegen Italien zu unserem Adler. Beide waren die Nummer 2 hinter Toni Schumacher. Sechs Spiele waren absolviert, jeder hatte bei drei Spielen auf der Reservebank gehockt. Wer war jetzt "dran"? Immel ließ Bernd Franke den Vortritt. Ganz großes Kino. Vergleichen Sie das mal mit heute!

Ansonsten spielte in Spanien die wohl unsympathischste und zweithässlichste deutsche Mannschaft aller Zeiten, direkt nach der von 1986. Ich sage nur: Trainingslager am "Schlucksee", Grüppchenbildung beim Frühstück, Schnauzbärte und Goldkettchen (Uwe Reinders!), Lothar Matthäus, Wasserbomben gegen deutsche Fans vorm Hotel - damals hießen die noch schön martialisch "Schlachtenbummler" - das Debakel gegen Algerien, die Schande von Gijon, das todlangweilige Nullnull gegen England, das glücklichfreche 2:1 gegen Spanien. Und dann das Jahrhunderthalbfinale gegen Frankreich. Schumacher springt Battiston mit Vollarsch ins Gesicht, malmt in aller Dummenarroganz sein Kaugummi weiter. Verlängerung. Die Franzosen im Spielrausch, dann völlig paralysiert von Klaus Fischers Fallrückzieher zum 3:3. Uli Stielike gibt den legendären "Uli Stielike" beim Elfmeterschießen, das wird fünfmal in Zeitlupe gezeigt, während die Kamera glatt den nächsten französischen Schützen, Didier Six, "vergisst", der auch versagt. Hektisch wird rumgeschwenkt, wir sehen gerade noch, wie Schumacher den Ball hält. Schließlich versenkt ausgerechnet "Ungeheuer" Horst Hrubesch den entscheidenden Elfer. Wir haben das alles en miniature nachgespielt, mit Tipp-Kick, Tennisbällen und Milchtüten, auf Schulhof und Bolzplatz.

Und Bernd Franke? Im Trainingslager vor der WM spielte er im Test A gegen B in der B-Truppe. Als Stürmer. Machte drei Tore und gewann 5:1, so will es zumindest meine bestechliche Fußballanekdotenerinnerungsgehirnrinde. Diese Volltreffer erinnern uns natürlich auch an den Eintracht-Ersatztorwart Burkhard Kick, mit "frechem Putz", wie die Presse damals keck euphemisierte, der in irgendeinem Lowbudget-Hallenturnier mal als Feldspieler Tore am Fließband wegknipste. Bernd Franke war dann auch in der deutschen Olympia-Auswahl 1984 in Los Angeles dabei. Zusammen mit Peter Lux. Der hat im Training eine Kamera kaputt geschossen, das wird von ihm bleiben, während Jürgen "Magnum" Hingsen beim Zehnkampf seine drei Fehlstarts hinlegte und der leicht unharmonische VW-Santana tausendfach bei der Autobahnpolizei eingesetzt werden musste, weil den sonst keiner fahren wollte. War also auch kein schönes Jahr, 1984.

Abschließen wollen wir unsere Abhandlung nicht ohne Gedenken an den großen Eintracht-Meisterkeeper Horst Wolter, der 1970 in Mexiko im Spiel um Platz drei - 1:0 gegen Uruguay, wie wir doch hoffentlich alle noch wissen - den Kasten ganz humorlos sauber hielt und es zur WM 1974 sogar mit einer "tollen Parade" (Rudi Michels) auf eine Sondermarke der Deutschen Bundespost brachte. Wir verneigen uns. Und schalten Sie bitte wieder ein, wenn wir uns in der nächsten Folge um die WM von 1986 zu kümmern haben. Einer muss es ja machen.

 

Eintracht aktuell, Saison 2005/2006, Heft 17

„Der Mann ist cool, intelligent, hat Herz, sieht gut aus. Jetzt muss er nur noch spielen. Fricke rein, denn schlechter kann er gar nicht sein.“
Leserbrief in Eintracht aktuell, Saison 2003/2004, Heft 8

 

Kein Ballgefühl: Gerald Fricke

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